4. Juli 2013

Mutterseelenallein

Der Blick auf den leeren blauen Radarschirm zeigts: wir sind alleine auf dem grossen Ozean.

Heute morgen auf der Kommandobrücke. Keine besonderen Vorkommnisse. Ausser, dass der Radarschirm blau ist. Und zwar komplett blau. Das ist neu für mich. Waren gestern noch vereinzelte gelbe Flecken (Inseln um Japan) und kleine weisse Dreiecke (Fischerboote oder andere Schiffe) darauf zu erkennen gewesen, ist heute alles – eben – nur noch blau. Der ganze grosse runde Kreis. Ein Zeichen dafür, dass wir in die Weiten des Pazifiks eingefahren und – im Moment jedenfalls – völlig alleine unterwegs sind. Ausser uns ist niemand sonst auf der Piste. Das bestätigt auch ein Blick aus sämtlichen Fenstern im Kommandoraum: Wohin man auch schaut: Überall Wasser. Einzig von oben kommt nix. Was sich aber durchaus noch ändern könnte – so, wie es im Moment aussieht. Tief am Himmel hängen nämlich haufenweise dieser weiss-grauen schlierigen Wolken, von denen man nie so recht weiss, was sie im Schilde führen. Zudem hat der Wind von achtern etwas aufgefrischt und auf den Wellenkämmen sieht man vereinzelte Schaumkronen. Auch die Temperaturen sind gefallen – „es isch e Chutte chüeler worde“. Derweil hält die „Ever Charming“ unbeirrt ihren Kurs. Immer geradeaus. Der Linie auf dem Radar entlang … irgendeinem fernen, unsichtbaren Ziel entgegen.


CO2 aus 360 Flaschen soll einem möglichen Feuer die Luft abdrehen

Am Nachmittag geht’s mit Käpt’n Steinberg auf Besichtigungstour durch unser schwimmendes Hochhaus – die momentan einzige Insel auf dem ewig grossen Pazifik. In Anbetracht dessen, dass der Mensch ja nicht dazu ausersehen ist, auf dem Wasser zu leben, wir aber derzeit von nichts anderem umgeben sind, bin ich daher nicht unfroh, auf dem Rundgang erklärt (und gezeigt) zu bekommen, dass die „Ever Charming“ nicht nur ziemlich massiv gebaut ist, sondern auch über so beruhigende Dinge wie 360 CO2-Flaschen verfügt, die – im Falle eines Brandes –  in die entsprechenden Räume gepumpt werden und daselbst dem Feuer quasi die Luft abdrehen. Schön auch, dass ich ein Rettungsboot auf Steuerbord fast für mich alleine hätte, falls es denn zum Äussersten kommen sollte. Was natürlich nicht stimmt, gibt es doch seit dem Untergang der „Titanic“ die Vorschrift, dass „…sowohl auf Steuerbord- wie auf Backbordseite (also links und rechts) soviel Rettungsboot-Kapazität zur Verfügung stehen muss, um die maximal zugelassene Besatzung auf jeder Seite aufnehmen zu können“.  Ist irgendwie beruhigend. Ebenso wie die Tatsache, dass wir im Falle eines Notfalles über ein ausgeklügeltes Notstrom-Sicherheits-Vorwarn-System mittels Funk sofortige Hilfe anfordern könnten. Wobei ich mir angesichts des leeren blauen Radarschirms die Frage stelle, woher diese Hilfe kommen soll, wenn weit und breit keine Sau zu sehen ist… .